Montag, 12. März 2007

Das graue Leichentuch

Manchmal erhebt eine schreckliche Bestie ihr Haupt in Rollenspieldiskussionen, meist stirbt dabei ein Catgirl.
Die Rede ist vom immer so viel beschworenen Realismus, von Realitätsabbildenden Rollenspielen, in etwa der Naturalismus.
Anzeichen dafür sind meist so sinnvolle Diskussionen wie: Die dürfen aber keine Brillen haben, den die Araber hatten auch keine, und die sind ja schließlich an die Araber angelehnt oder zu dieser Zeit gab es noch kein "Ihr", da haben alle "Du" benutzt, das ist voll unrealistisch.
Oder um ein Beispiel aus der SF aufzugreifen, Jäger sind in einer Raumgefecht schlichtweg nutzlos, da sie von automatischen Strahlenkanonen kaum verfehlt werden können.

All das ist natürlich absolut richtig, aber die Frage die ich mir dabei stelle, ist ob auf solche Dinge acht zu geben dazu führt dass das Spiel mehr Spaß macht. Ich bin überzeugt das es das nicht tut.
Sieht man einmal von historischen Rollenspielen ab, wo gerade der große Spaß darin besteht in die reale Welt von damals einzutauchen, oder Hard SF Rollenspielen, in denen Physiker sich mit seitenlangen Berechnungen austoben wollen (Lachen sie nicht, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, aber wahrscheinlich sollte ich leise sein, selbst wir Geschichtskursler machen manchmal Späße die für den Rest der Menschheit unverständlich sind).
Es geht mit primär um die Gattung der nicht seriösen Literatur, in der sich ein sehr großer Teil der Fiktion befindet. Hier sollte es nicht um historische Genauigkeit, oder Physik bis zur letzten Stelle hinter dem Komma gehen, sondern um die Themen der jeweiligen Gattung, um Kreativität, um Phantasie.

Sie kennen sicher alle die unendliche Geschichte, die Faszination Phantasiens geht dort nicht von Realismus oder von moralisch grauen Charakterhelden aus, sondern vielmehr von der Vorstellung das es eine Welt ist in der Träume wahr werden können, in der egal wie klein oder wie unwichtig sind, wir die Helden der Geschichte sein können. Wer möchte nicht einmal auf einem Drachen durch die Wolken fliegen, eine hübsche Kaiserin retten und mit ihr die ganze Welt ? Die Geschichte spielt auf einige unserer innersten Wünsche und Träume an, wer würde nicht gerne ein Held sein ? Von allen bewundert und derjenige sein der den Unterschied ausmacht.
Genauso eine unendliche Geschichte sollten Rollenspiele sein, wir schreiben diese Geschichte selber indem wir sie spielen, wir sind darin die Helden, diejenigen die einen Unterschied bewirken können und ihre Träume leben. Unsere heutige Zeit ist nicht unbedingt für Helden geeignet, sie ist extrem komplex und die Gesellschaft ist extrem ineinander verzahnt. Manchen ist es auch heute noch bestimmt zu Helden zu werden, aber es hat sich alles gewandelt, deshalb spielt die unendliche Geschichte auch in den Bereich den wir Romantik nennen hinein.

Auch wenn dies oft kritisch beurteilt wird, romantische Literatur ist häufig nicht mehr so gefragt, wir sind wieder in einer naturalistischen Epoche. Es ist aber nichts schlimmes dabei sich eine einfachere Welt zu wünschen, in der eine einzelne Person einen Unterschied bewirken kann, in der unser leben nicht durch manchmal monströs erscheinend Räderwerke im Hintergrund bestimmt wird. Dieser Traum ist nichts wofür man sich schämen sollte, ganz im Gegenteil, er ist nicht kindisch, nicht reaktionär. Bloß menschlich und was für das Rollenspiel am wichtigsten ist, er kann eine Menge Spaß machen.

Um das Rollenspiel was ich gerne spielen möchte zu beschreiben würde ich mich wieder auf die Kunst beziehen wollen. Dort sind mit die Klassischen Künstler am liebsten, ihre Bilder versuchen nicht die Realität genau wiederzugeben, aber sie abstrahieren auch nicht. Sie färben die Motive die sie malen mit einer Emotion, mit einem Eindruck ein. Die Bilder vermitteln mehr als bloß was gewesen ist, sie zeigen auch was der Maler bei diesem Anblick empfunden hat, was genauso wichtig ist.
Auf Rollenspiele übertragen würde das für mich bedeuten das sich die Spielwelt immer dem Thema anpassen muss, einfach Kopien der Realität sorgen nur dafür das die Phantasie am grauen Boden gefesselt bleibt, dabei ist sie doch gerade das Hauptinstrument mit dem wir Rollenspieler arbeiten.

Wer aber einmal in die Falle geraten ist und anfängt darüber nachzudenken ob das Ganze realistisch ist hat oftmals schon verloren. Er kann nicht mehr damit aufhören und wird oftmals den Spaß an der Sache verlieren. Bestimmte Dinge sollte man einfach akzeptieren, was aber gerade den Naturwissenschaftlern die in letzter Zeit so schrecklich häufig unter den Rollenspielern auftauchen schwer fällt. Diese können überhaupt nicht aufhören alles zu hinterfragen, zu analysieren und zu bewerten. Manchmal glaube ich das sich diese armen Menschen ihr Leben selbst unnötig schwer machen. Man sollte auch einfach abschalten können und sich auf die Phantasie, die keine Naturgesetze kennt einlassen.
Denn wirkliche Realität kann einem nur die Realität bieten und dafür brauch man eigentlich keine Rollenspiele, man kann auch einfach vor die Haustür gehen. :-)

Retten sie Phantasien, nicht mit ausgeklügelten Formeln oder den neusten Erkenntnissen über die Wandbemalung griechischer Tempel, sondern mit ihrer Vorstellungkraft, der das Wort unmöglich schlichtweg fremd sein kann.

1 Kommentar:

Nightcrawler hat gesagt…

Stimme dir zu. Ich sage ja ohnehin immer, dass es darauf ankommt, ob eine Szene stimmig ist. Alles andere ist sekundär.
Nur dass Romantik bei dir gleich "gut" sein muss... Auch der tragische Antiheld kann etwas äußerst romantisches an sich haben. Du weißt ja, wie ich dazu stehe ;-)